‚Spaghetti-Eis. Wie zur Hölle komme ich jetzt an Spaghetti-Eis?`
Das war der eine Gedanke, der Daja durch den Kopf ging. Es war Dezember. Die Eisdielen hatten geschlossen. Warum eigentlich? Sie konnte doch unmöglich die Einzige sein, die im Winter Lust auf Eis hatte. Auf die gefrorene Sahne unten in der Waffel, das Vanille-Eis und die Sahnehaube mit der Erdbeersoße und der geraspelten weißen Schokolade und der Mini-Waffel, die wie ein Krönchen in die Sahne gesteckt wurde.
Wie würde ihre Mutter es jetzt ausdrücken? `Kind, mir läuft das Wasser im Mund zusammen´.
Daja schüttelte den Kopf und damit den Gedanken sowohl an ihre Mutter als auch an das Spaghetti-Eis ab. Sie atmete tief ein und als sie die Luft wieder ausstieß, ließ sie ihre Schultern sinken. Erleichterung machte sich in ihr breit. Sie hatte es geschafft. Sie hatte auf den Tag heute über Monate hingearbeitet – und als sie um kurz nach drei das Büro verlassen hatte, fühlte es sich an, als verließe sie die Showbühne. Ein letztes „Tschüss“ , eine imaginäre, tiefe Verbeugung in der Tür und mit dem Schwung einer halben Drehung war sie raus. Sie musste laut lachen. Was für ein bescheuertes Bild. Aber. So war´s. Und all die Strapazen, damit sie den Dezember frei hatte. Alle vier Wochen. Dafür hatte Daja die letzten Monate durchgearbeitet und ihr soziales Leben hintenangestellt. Das Einzige, das sie sich nicht hatte nehmen lassen, war ihr Schwimmen. Jeden Samstagvormittag traf sie sich mit Ihren beiden „Ladies“ und dann verschwanden die drei Frauen für ein paar Stunden im städtischen Schwimmbad. Sie plauderten über ihre Woche, lachten viel, machten eine Kerze im Nichtschwimmerbecken und versuchten einen Kusselkopf. Und: Sie schmiedeten Pläne für ein Wellness-Wochenende. Ayurvedische Anwendungen für Leonie. Mailin hatte immer Lust auf Neues und wollte unbedingt eine orientalische Pflegezeremonie ausprobieren. „Da sind wir dann aber auch dabei“, riefen Leonie und Daja zeitgleich und alle Drei lachten.
„Und danach lassen wir uns mindestens eine Stunde lang durchmassieren. Ach was, direkt zwei! Vom Kopf bis zum kleinen Zeh runter“, malte Daja ihren Wellnesstag aus und hielt sich an den Edelstahlhandgriffen des Startblocks fest, als sie das Ende der Schwimmbahn erreicht hatten. „Ladies, das müssen wir wirklich machen!“, schwörte Mailin sie ein. „Da hätte ich richtig Bock drauf. Ehrlich, das haben wir uns verdient. Aber sowas von!“ Mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck stieß sie sich von der Beckenwand ab und zog eine weitere Bahn. Daja schwamm ihr hinterher und Leonie hatte ihre eigene Weise, das Schwimmbecken zu nutzen, indem sie einfach quer von einer Ecke in die andere Schwamm. Über alle Bahnen hinweg. So waren sie, ihre Samstagvormittage im Schwimmbad.
Für kein Geld der Welt hätte sich Daja die nehmen lassen. Eben auch nicht in Vorbereitung auf ihren freien Dezember.
Zum Glück waren es nur noch zwei Tage bis zum nächsten Treffen mit ihren Ladies.
Von diesem Gedanken beseelt, zuppelte sich Daja ihre rosa Mütze zurecht. Sie zog sich den Schal ein wenig tiefer ins Gesicht und lief weiter. Sie musste noch schnell ins Städtchen und ein paar Kleinigkeiten einkaufen. In ihren Vorratsschränken und im Kühlschrank herrschte gähnende Leere; dafür war sie gefühlt mit allen Pizzataxifahrern per Du. Nach einem langen Tag im Büro hatte sie abends einfach keine Lust mehr zu kochen. Damit fang ich jetzt aber wieder an‘ freute sie sich, als sie sich tierisch erschrak. Ein Schwall Wasser sorgte dafür, dass ihre Lieblings-Sneaker innerhalb weniger Augenblicke völlig durchnässt waren und damit auch ihre Socken.‘ Walle! Walle. Manche Strecke, Daß zum Zwecke Wasser fließe‘. Warum zur Hölle musste sie an den Zauberlehrling von Goethe denken und warum zur Hölle wusste sie den Text und von wem es ist und überhaupt. Warum zur Hölle waren ihre Schuhe und Füße nass. „Alter“ fluchte sie laut und guckte zur Eingangstür rechts, aus der das Wasser aus einem Eimer heraus angeflogen gekommen war.
Daja hörte ihn erst und sah ihn dann. Einen Mann, der aus der Haustür geschossen kam: „Oh mein Gott. Entschuldigung! Verdammt, ich hab Dich nicht gesehen. Es tut mir so unfassbar leid“.
Sie schaute ihn an. „Ich. Oh Mann. Ich hab den Putzeimer ausgeschüttet. Ich hab Dich nicht gesehen“, stammelte er. „Walle! Walle. Manche Strecke, Daß zum Zwecke Wasser fließe‘“, hörte Daja sich sagen und der Mann verstummte. „Frag nicht“, sagte sie lachend. „Sag, fremder Mann“
„Entschuldige, ich bin Daniel“, warf er ein.
„Sagt fremder Daniel“, sie lächelte ihn an. Er gefiel ihr. „Hast Du vielleicht ein Handtuch für mich, beziehungsweise meine Füße und vielleicht eine Heizung, auf der ich meine Schuhe trocken kann?“.
„Hab ich. Beides. Komm rein!“
Mit gesenktem Blick, weil sie sich das Ausmaß ihrer durchnässten Schuhe angesehen wollte, stieg sie die Stufen zum Geschäft hoch, wobei das Wasser bei jedem Schritt aus ihren Schuhen platschte, während er weitersprach.
„Es tut mir so leid. Ich nutz die Winterpause des Ladens und experimentiere ein bisschen rum. Damit wir die Kunden mit neuen Kreationen und Ideen halten können. Also die Klassiker sind einfach die Klassiker, aber Geschmäcker sind ja eben verschieden und … ja und beim Austesten eben sind mir die Behälter auf den Boden gedonnert und es verteilte sich alles fein über die Fliesen. Darum musste ich den Raum wischen und das schmutzige Wasser und … hab ich schon gesagt, dass mir das mit Deinen Schuhen ehrlich leidtut? Kann ich Dir die Zeit, bis Deine Schuhe wieder trocken sind vielleicht irgendwie versüßen?“ Daja lief rot an und ihr Blick wanderte hoch zu Daniels Augen. „Äääh. Bitte? Also. Was schwebt Dir denn da so vor?“
„Hast Du vielleicht Lust auf … Nee. Das ist zu bescheuert.“
„Was denn?“
„Weil ich so ein Süßer bin, hab ich es immer da. Auch wenn wir zu haben. Magst Du …“
„Ja!“
‚Oh verdammt, hatte sie das gerade laut gesagt? ‘ Das rot in ihrem Gesicht wurde eine Nuance dunkler.
Daniel lachte. „Gut zu wissen, aber magst Du vorher ein Spaghetti-Eis?“
Kurzgeschichten. Spaghetti-Eis.
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