„Mist. Verdammter“.
Anastasia war durchgefroren. Sie saß in ihrem blauen Fiat Punto, ihrer „Blue Pearl“ – und die hatte vergessen, wie sie anspringt. Schon wieder. Das hatte sie manchmal im Winter. Da konnte kein ADAC-Mensch was machen und die Werkstatt war auch überfragt. Ana musste einfach zwei Stündchen warten und dann sprang ihre Blue Pearl wieder an. Als wäre nie etwas gewesen. Das war allgemein ärgerlich, aber gerade noch mehr. Es war Winter. -4 Grad und sie war gerade mit ihrem Sunny von der Hunderunde gekommen. Eine halbe Stunde waren sie durch den Schnee gelaufen. Sunny liebte das, auch wenn er anschließend, wie ein Wischmopp-Hund aussah, weil überall in seinem langen Fell Schneeklumpen hingen. Zu jeder Gelegenheit schmiss er sich regelrecht in das nasse Weiß und wälzte sich. Wenn er dabei mal eine Schneeverwehung erwischte und vom Schnee verschluckt wurde, war Anastasia froh, dass die lange Leine am Geschirr hing. Schaffte Herr Hund es nicht von allein aus der Verwehung raus, half sie ihm. Er schüttelte sich einmal und rannte wieder los. Auf dem Rückweg hatte sie sich vor allem auf die Hinternheizung in ihrem Auto gefreut. Aber die lief nun auch nicht.
„Wie dumm. Was machen wir denn jetzt?“
Anastasia drehte sich zur Rückbank um. Sunny nutzte die Gunst der Stunde, um ihr einmal quer durchs Gesicht zu lecken. Sie lachte, rümpfte aber auch gleichzeitig ihre Nase. Wenn es etwas gab, was sie wirklich nicht leiden konnte, dann war es eine Hundezunge in ihrem Gesicht. Aber jetzt war es irgendwie … süß. Sie seufzte.
„Na dann mal los, mein kleiner Schneehase. Glück für Dich, Pech für mich, es geht nochmal raus. Lust auf einen Zwei-Stunden-Spaziergang?“
Anastasia wusste, dass es in der Nähe einen Segelflugplatz gab. Das war ihr Ziel. Da waren sie und Sunny bei dem Wetter bestimmt eine gute dreiviertel Stunde hin unterwegs. Sie zog ihre Mütze tiefer in die Stirn, stopfte noch die ein oder andere blonde Haarsträhne unter die Mütze, zog den Schal über die Nase und dalpte los. Auf dem schneebedeckten Feldweg formte Anastasia Schneebälle, Sunny versuchte sie zu fangen und sprang hoch. Flogen sie an ihm vorbei, suchte er den weißen Ball im weißen Schnee und blickte sein Frauchen aus seinen rehbraunen Kulleraugen an, wenn die Suche erfolglos blieb. Die beiden hatten inzwischen eine ruhige, abgelegene Straße erreicht.
„Noch ein paar Minuten, dann müsste der Abzweig zum Segelflugplatz kommen“.
Sunny quittierte diese Info mit einem wedelnden Schwanz und dann hielt er seine Nase in die Luft. Er hatte etwas gewittert.
„Was isses?“ wollte Ana wissen. Ihr Hund hatte alles, aber keinen Jagdtrieb. Damit konnte sie ausschließen, dass hinter der nächsten Kurve ein Reh oder ein Fuchs auf sie wartete. Sie blickte sich um und sah eine Hofeinfahrt. Sunny lief mit schnuppernder Nase durch das Tor. Sein Körper spannte sich an und wenige Sekunden später wackelte er so stark mit der Rute, dass sich sein kompletter Körper mitfreute.
Am anderen Ende der Leine hing Ana, die höllisch aufpassten musste, sich nicht langzulegen, weil es durch den plattgefahrenen Schnee hier in der Einfahrt doch sehr rutschig war. „Sunny“ sagte sie scharf, in der Hoffnung ihr Hund würde sich beruhigen. Der aber zog sie weiter in den Hof des Bauernhofanwesens und lief auf die drei Hofhunde zu. Das gab ein freudiges Gewusel. Anastasia lies die Leine fallen und wartete, als sie eine Männerstimme hörte.
„Ja hallo, wer bist Du denn?“
Die Frage galt Sunny, das erkannte sie an der höheren Tonlage und dem Sing-Sang inder Stimme.
„Das“, sie räusperte sich. „Das ist Sunny. Er hat offenbar vor, hier bei euch einzuziehen“, lachte sie dann.
„Na, dann herzlich willkommen Sunny. Und Du bist? Ach entschuldige. Hi. Ich bin Marten“.
„Ich bin Anastasia. Freut mich.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.
„Du siehst ein bisschen durchgefroren aus“ stellte er fest. „Magst Du einen heißen Kakao?“
Ihre Augen leuchteten auf. „Du ahnst gar nicht, wie sehr. Vielen Dank!“
„Mit Sahne?“ fragte er, während er sich umdrehte und deutete ihr, ihm zu folgen. Sunny und seine Hund liefen vor, wobei es sich Sunny auch hier nicht nehmen ließ, sich aus dem Lauf heraus in den Schnee fallen zu lassen. Marten lachte laut auf, als er das sah.
„Herrlich!“ Er lief zur Terrasse hinter seinem Haus und Ana staunte nicht schlecht. Sie sah zum ersten Mal eine Schneebar.
„Da hatte ich diesen Winter Lust drauf“, beantwortete Marten ihre nicht laut ausgesprochener Frage. „Ist gar nicht schwer. Ein paar Schneesteine formen, wie für ein Iglu, und dann baust du halt eine Bar. Ein paar Fächer für die Getränke aussparen und eine Holzplatte oben drauf. Zack. Eine Schneebar.“
Ana sah sich Marten genauer an. Er gefiel ihr. Sie schätze ihn auf etwa 1,85 Meter? Er dürfte wie sie in den 40ern sein. Er war etwas größer als sie und sie mochte seine braunen Augen. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Sie schüttelte ihren Kopf und stoppte ihre Gedankenwelt. Dabei verrutschte ihre Mütze. Die legte sich über ihre Augen und Ana sah nichts mehr. Sie versuchte ihre rosa Wollmütze wieder zurückzuschieben, in dem sie ihren Kopf in den Nacken legte und zeitgleich mit dem Kopf nickte, aber die Wolle war zu durchnässt, da bewegte sich nichts.
Anastasia nahm einen Duft wahr. Zedernholz? Ihr gefiel der Duft. Maskulin, aber nicht drüber und nicht zu parfümiert. Noch bevor sie wusste, woher der Duft kam, sah sie es. Marten stand dicht bei ihr und befreite sie von ihrer nassen Mütze.
„Hi“, grinste er ihr entgegen und hielt ihr den Becher mit Kakao hin.
„Hast du Hunger?“
Ana war baff. Was passierte denn hier? Aber es fühlte sich richtig an. Sunny hatte sich sofort wohlgefühlt und das war ungewöhnlich. Er fremdelte eigentlich ungemein.
Anastasia atmete tief durch: ‚Ach komm, ein Stündchen bleib ich noch‘, nahm einen Schluck Kakao und hörte sich sagen: „Ja, hab ich tatsächlich.“
„Warte kurz“, lächelte er sie an. Die nächsten Minuten lief er vom Garten ins Haus und wieder zurück. Sie beobachtete ihn. Die Hunde liefen um sie herum, Sunny stupste sie kurz an und verschwand mit den anderen wieder irgendwo auf dem weitläufigen Gelände. Marten trat auf einer Fläche hinter der selbstgebauten Bar den Schnee platt, legte eine große Decke auf den Boden und richtete an. Teller, Gläser, eine Käseplatte. Brot, Cherrytomaten und Mini-Mozzarella und Lachs-Wraps.
„Ich dachte, wenn wir beide unabhängig voneinander eh nass vom Schnee sind, macht ein bisschen mehr auch nichts aus und ich wollte das immer schon mal machen. Und wie dämlich wäre ich, würde ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen, wo Dich das Schicksal zu mir geführt hat?“.
Er lächelte sie an. Anastasia war sprachlos. Aber sie hatte aufgehört, manche Dinge zu hinterfragen.
Und ein Picknick im Schnee. Das hatte sie noch nie.
Kurzgeschichten. Picknick im Schnee.
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