„Wenn wir ganz ruhig sind, dann können wir die Feen vielleicht sehen und auch, wie sie ihre Magie einsetzen“, flüsterte Madita ihrem jüngsten Neffen verschwörerisch zu. Leon war ganz aufgeregt zu ihr gelaufen gekommen.
Madita war lange vor Leons Geburt hier an diesen für sie magischen Ort gezogen. Fernab von Stadtlärm und Menschen hatte sie dieses wunderschöne alte Häuschen gefunden. Oder hatte es sie gefunden? Von der Straße aus war es kaum zu sehen. Aufs Grundstück ging es durch ein geschwungenes, gusseisernes Tor. Der verwitterte Holzzaun rund um das Gelände hatte schon bessere Zeiten gesehen, erfüllte aber nach wie vor seine Aufgabe. Auch in das Innere des Bauernhauses hatte sich Madita sofort verliebt. Die Zimmer waren großzügig und offen geschnitten, durch die alten Holzbalken wirkte es dabei urig und strahlte eine unbeschreibliche Gemütlichkeit aus. Das Highlight war aber unbestritten ihr Garten. Das Gras stand knöchelhoch, Bienen hatten Madita zum Einzug einen ganz besonderen Strauß Blumen geschenkt – den Blütenstaub der verschiedensten und buntesten Wildblumen, die nun in ihrem Garten wuchsen. Ein umgestürzter Baumstamm lag am Ufer des Bachs, der sich durch ihren Garten schlängelte und ruhig vor sich hinplätscherte. Auf dem Baumstamm wuchsen verschiedene Arten von Pilzen.
Und da hatte Leon bis eben gespielt. Er fand Tannenzapfen und suchte sich ein Ziel, das er treffen musste. Mit ein paar dünnen Ästen zog er eine Linie auf dem Rasen. Nur bis da durfte er Anlauf nehmen, dann musste er den Tannenzapfen werfen und den Baum ein paar Meter weiter entfernt treffen. Wenn er das geschafft hatte – und jeder Wurf war ein Treffer, auch wenn die Flugbahn manchmal ein bisschen krumm und schief aussah – durfte er über die Linie zu dem schmalen Bach laufen.
Dort suchte er sich dann einen möglichst flachen Stein und den versuchte er ans andere Ufer zu flitschen. Je öfter der Stein aufkam, desto besser. Welche Tannenzapfen und Steine die richtigen für sein Spiel waren, „das steht in meinem magischen Heft, Tante“. Leon hatte Madita sein Büchlein gezeigt, sie sah aber nur irgendwelche Zeichen, die der 6-Jährige dort hinein gemalt hatte. „Siehst Du“, hatte er ihr erklärt, „ich halte das Heft hoch und in Richtung des Gegenstands, den ich brauche. Und wenn es der richtige Tannenzapfen oder der richtige Stein ist, dann leuchtet er auf. Das kann aber nur ich sehen“. Sprachs und war zu einem Tannenzapfen gelaufen, der im Gras lag. Sie war lächelnd ins Haus gegangen und hatte dort Feuer im Kaminofen gemacht. Dann war sie in die Küche gegangen, um das Abendessen zu zaubern. Auf ihre Frage „Kartoffelpüree mit Spinat, Spiegelei und Fischstäbchen?“ hatten ihr leuchtende, grüne Augen entgegengeblickt und Leon strahlte: „Das ist mein Lieblings-Lieblingsessen, Tante Madita“.
Sie schaute aus dem von außen mit Efeu umrahmten Küchenfenster. Ihr Herz ging auf, als sie den zufriedenen Gesichtsausdruck ihres Neffen sah. Er war mit sich und der Welt im Einsen.
Im Haus war es kuschelig warm. Die Holzscheite knisterten im Kaminofen und Madita hatte ihre und Leons große Tassen auf dem Ofen abgestellt, damit ihr Kakao nicht kalt wurde. Sie war gerade von der Küche aus über den knarzenden Holzdielenboden ins Wohnzimmer gegangen, als Leon angerannt kam.
„Tante, Tante, Tante“ rief er aufgeregt.
„Ja, was ist denn Leon?“
„Draußen leuchtet es überall. Auch ohne mein magisches Heft. Da in dem Wald. Und am Baumstamm am Wasser. Tante Madita, was ist das?“
„Das ist ein großer Vertrauensbeweis, Leon“, antwortete ihm Madita. „Magst Du Deinen Kakao haben?“
Der Junge nickte.
„Komm, wir setzen uns auf die Terrasse. Nimm die Wolldecke mit und mummel Dich gut ein. Ich erzähl Dir eine Geschichte. Es geht um sehr schüchterne kleine Wesen mit einem großen Herzen.“
Sie stellte die Herdplatten auf eine niedrige Stufe und setzte sich zu Leon auf die Bank auf der Terrasse.
„Du siehst das kleine Wäldchen dort drüben, nicht wahr?“ Sie zeigte auf die Bäume auf der anderen Seite des schmalen Bachs und Leon nickte.
„Das ist ein besonderer Wald. Es ist ein Feen Wald. Die kleinen Wesen haben hier alles im Blick und kümmern sich. Auch um meinen Garten“, erzählte Madita. „Ich sehe es oft in Kleinigkeiten. Eine Christrose, die eben noch geschlossen war, zeigt im nächsten Augenblick ihr wunderschönes gelbes Gesicht, umrahmt von wundervollen, weißen Blättern“.
„Aber eben hat da überall was geleuchtet“, warf Leon ein. Er griff nach seiner Kakaotasse und nahm einem großen Schluck.
„Das, was Du da gesehen hast, sind die Häuser der Feen von Lunara. So heißt ihr Feen-Wald. Lunara. Sie leben in Pilzen, aber auch in Baumstämmen. Und abends, wenn es dunkel wird und sie sich nicht fürchten brauchen, dass sie jemand Fremdes entdeckt, machen sie – wie wir ja auch – die Lichter in ihrem zuhause an und dann beginnt der gemütliche Teil des Tages. Auch für die Feen.“
Leon sagte nichts. Er sah sich im Garten um.
„Da! Da geht wieder ein Licht an. Und da drüben. Tante. Wie viele Feen leben denn hier bei dir?“ Er bekam den Mund vor Staunen kaum zu. Es wurden immer mehr kleinen Lichter, die Lunara in ein magisches Licht tauchten. Hier und da konnte Madita Feen-Staub erkennen. „Schau“, sagte sie zu Leon. „Auch die Feen haben ihre Kamine angemacht.“
„Tante?“
„Ja?“
„Wenn die Feen aber doch so schüchtern sind und Angst haben, von Fremden entdeckt zu werden. Warum haben sie denn keine Angst vor mir?“
Madita streichelte Leon über den Kopf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Sie kennen Dich sehr gut, mein Schatz“, lächelte Madita ihn an und legte ihren Arm um ihn.
„Sie kennen Dich, seit Du in Mamas Bauch warst. Sie waren immer an Deiner Seite, wenn Du durch meinen Garten gekrabbelt bist und auch, als Du später Deine ersten Schritte hier im Gras gemacht hast. Da saßen sie auf deiner Schulter oder Deinem Kopf. Das hat dich immer zum Lachen gebracht. Und sie waren auch eben an deiner Seite und haben dafür gesorgt, dass jeder Tannenzapfen sein Ziel trifft.“ Sie zwinkerte ihm zu. Leon sagte nichts. Er nahm eine Haarsträhne, die ihm in die Stirn fiel und zwirbelte sie. Das machte er immer, wenn er nachdachte.
Madita gab ihm noch einen weiteren Kuss auf die Stirn und ging in die Küche, um nach dem Essen zu schauen. Als sie wenig später am Esstisch saßen, schaute Leon seine Tante an.
„Madita. Dein Garten ist ein Zaubergarten“ und flüsterte dann:„ Das heißt, Du bist eine Zauberin!“.
Sie lächelte ihn an und legte ihren Zeigefinger auf ihre Lippe: „Psst! Verrat mich nicht!“ Leon erwiderte ihr Lächeln. Es zog sich von einem Ohr zum anderen und er antwortete:
„Was sollte ich denn verraten, Tante?“
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