Kurzgeschichten. Dominosteine.

Oma stand in der Küche und Opa war in seinen Garten verschwunden. Er wollte einige seiner Blumen putzen. Annelie fand es witzig. Blumen waren doch kein Zimmer, wie konnte man die denn putzen? Das würde sie ein anderes Mal herausfinden, jetzt musste sie den perfekten Zeitpunkt ausnutzen.
Daran erinnerte sich Annelie auch jetzt noch, fast 40 Jahre später, gut. Und daran, wie sie auf Zehenspitzen durchs Wohnzimmer von Oma und Opa lief. Ihr Ziel: Der dunkelbraune Eckschrank am Ende des Raums. Vorbei an Omas Sofa und Opas Ohrensessel stand sie nach ein paar Schritten vor dem Eckschrank. Hinter den Schranktüren oben stand der alte Röhrenfernseher. Der untere Teil war aber viel spannender. Da bewahrten Oma und Opa nämlich die Spiele auf. Sie kniete sich hin und Annelies kleine Finger drehten den Schlüssel im Schloss um. Dabei hielt sie die Luft an. Oma hatte ihr verboten an den Schrank zu gehen, „weil wir gleich Essen, Annelie“. Aber das dauerte doch noch so ewig. Sie musste vorsichtig sein, denn die Türen quietschten beim Öffnen. Annelie drehte ihren Kopf und lauschte. Sie hörte Oma in der Küche singen und wusste, niemand würde die Spielschrank-Tür hören.

Als stünde sie gerade tatsächlich vor der geöffneten Schranktür, holte Annelie im Hier und Jetzt tief Luft und nahm den Geruch des Spielschranks wahr und in sich auf. Süßlich, aber gleichzeitig auch ein wenig muffig. Was würde sie dafür geben, die Schranktür wieder öffnen zu können. Sie vermisste ihre Großeltern. Vor allem ihren Opa. Sie sah ihn noch immer in seinem Ohrensessel sitzen. Sie wuselte um ihn herum, hatte sich eine Bürste ihrer Oma geschnappt und das Wohnzimmer in einen Frisörsalon verwandelt. Ihr Kunde: Opa. Er saß geduldig in seinem Sessel und ließ sich die weißen Haare bürsten, kämmen, flechten und mit Spangen verzieren.

`Zurück zum Spielschrank´ ermahnte sich Annelie selbst und lächelte bei der Erinnerung an ihren Opa.
Im Schrank fand sie ein neues Spiel. Das kannte sie noch gar nicht. Es waren viele kleine, rechteckige, schwarze Steine mit weißen Punkten drauf. „<
Na, möchtest Du eine Runde Domino spielen?“ hörte sie Opas tiefe, warme Stimme hinter sich und erschrak. Sie war so auf diesen Spielkasten konzentriert, dass sie nicht mitbekommen hatte, dass Opa zurück aus dem Garten war.
Er lachte und nahm sie in den Arm. „Entschuldige mein Ännchen. Ich wollt Dich nicht erschrecken“, sagte er und sah sie liebevoll an. „Au ja!“ rief Annelie und holte die Kiste aus dem Schrank. „Was ist denn hier los?“ Das war Oma. „Nichts da. Wir essen jetzt! Annelie, hab ich Dir nicht gesagt, dass der Schrank tabu ist?“
„Na komm, Trautchen, drück doch ein Auge zu und sei nicht so streng“, zwinkerte Opa seiner Frau zu.
„Wir haben ja nur geguckt. Gespielt wird erst nach dem Essen, nicht wahr Annelie?“
Die nickte eifrig und lief ins Esszimmer.

‚Domino‘. Annelie hing der Erinnerung an diesen Nachmittag noch ein wenig nach und stellte dann fest, dass sie es danach nie wieder gespielt hatte. Sie kam wieder drauf, weil sie einen Gag ihrer Lieblings-Comedian Tahnee gehört hatte, die sich an die Dominosteine erinnert hatte. Sie erzählte vom „Domino-Day“ Ende der 90er Jahre bei RTL. Über Stunden fielen da die Steine im Fernsehen. Tahnee beschrieb es so: „Es war die kacken-langweiligste Sendung, die es je gegeben hat. Wir habens alle geguckt. Keiner weiß, warum“.
Das stimmte. Lachend schüttelte Annelie den Kopf und fragte sich, ob man die alten Sendungen wohl bei YouTube nochmal gucken könnte. Eine kurze Recherche und: Ja. Und damit stand ihr Samstag-Abend-Plan fest. Sie würde sich auf dem Sofa in ihre Kuscheldecke mummeln und auf dem Smart-TV die alten Shows suchten. Annelie lief zum Küchenschrank, griff ins Süßigkeiten-Fach und holte die Packung Dominosteine raus. Sie hatte sie gerade in eine Schale umgefüllt, als es an der Tür klingelte. „Domino-Pizza, hallo“ kratzte es aus der Gegensprechanlage und zehn Minuten später schallte das Intro des RTL-Domino Days 1998 mit Linda de Mol durch Annelies Wohnzimmer. Sie richtete den Blick nach oben und flüsterte:
„Ich hab Dich lieb Opa. Du fehlst mir“.
Und bevor Linda de Mol die Zuschauer begrüßte, hatte Annelie diesen Geruch in der Nase.
Süßlich, aber gleichzeitig auch ein wenig muffig.

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