Reise in die Vergangenheit. Oder: Das Forsthaus Tiergarten.

ForsthausVergangenes Wochenende wandelte ich auf meinen eigenen, alten Spuren. Wir haben einen Ausflug in die Lüneburger Heide gemacht. Als das klar war, hab ich sofort geguckt, wie weit es von unserem Hotel aus zu dem Reiterhof in Lüneburg ist, auf dem ich zwei Sommerferien verbracht hatte. Damals. Als ich zehn war.

Wie sehr ich diesen Reiterhof liebe. Ja. Immer noch. Auch nach 27 Jahren. Es sind Sommer voll so schöner Erinnerungen. Wann immer ich in den vergangenen Jahren an das Forsthaus Tiergarten gedacht habe, wurde mir warm ums Herz.

Ich brauche nur die Augen zu schließen und habe alles vor mir.

Das von Pflanzen umrahmte Holzschild. „Forsthaus Tiergarten – Reiterferien für Kinder“ – das alte Fachwerkhaus, indem unsere Schlafzimmer sind. Um dorthin zu kommen rannten wir von außen durch den Essensraum. Also rannten bis zur Tür, bremsten ab und liefen gesittet durch den Raum zu den Treppen, die nach oben führen. Im Haus wird nicht gerannt. Mein Zimmer ist direkt oben rechts. Ein Mehrbettzimmer, das ich mir mit anderen Mädchen teile. Neben der Tür zum Speicher hoch .. . Diese Tür ist abgeschlossen, aber wir haben durchs Schlüsselloch geguckt und bekamen Muffen. In dem dunklen, vollgestaubten Treppenaufgang liegt eine Hand! Sie hängt körperlos eine der Stufen hinunter. Die haben wir gesehen, durch das kleine Schlüsselloch. Abends können wir nicht einschlafen. Was weniger an der Tatsache liegt, dass die Hand einfach ein Handschuh ist, der da oben vergessen wurde, sondern daran, dass wir um die Hand herum eine Horrorgeschichten stricken … Seit dieser Nacht machen wir einen großen Bogen um die Speichertür.

Tagsüber sind wir in der Halle geritten – ohne Sattel. Und am Ende des Unterrichts ging es mit den Ponys zur Weide. Wir versammelten uns mit unseren Ponys und Pferden auf dem Hof, alle aufgesessen und dann ging es hintereinander weg los. „Mein“ Reiterhof liegt am Wald – und durch den ging es bis zu einer der großen, idyllisch gelegenen Weiden. Dabei gab es eine Regel. Die besagte: Wer vom Pferd fällt, der läuft.
Ich konnte reiten. Ich konnte oben drauf bleiben. Bis ich das verfressendste Pony von allen bekam. Entlang des Weges dachte es sich immer wieder „Hui. Gras! Das muss muss muss ich fressen!“. Im Schritt war das auch kein Problem. Aber es war so verfressen, dass ihn auch das Traben nicht davon abhielt, den einen oder anderen Halm mitzunehmen. Und da lag ich dann unten. Das hatte ich nicht kommen sehen. Also musste ich den Rest laufen. Und die anderen sind weitergetrabt…

Einen Sommer war es so warm, dass Netti, der der Hof gehört, ihr OK gab, dass wir auf der Wiese am Hof durch den Teich reiten dürfen. Durch den Teich! Auf dem Pferd. Ohne Sattel. Das gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsmomenten. Wie sehr ich diesen Sommer geliebt habe.

Vor meinem ersten Sommer in Lüneburg bin ich nicht geritten. Ich habe es dort gelernt. Und habe es dort lieben gelernt. Ich wurde ein Pferde-Mädchen. Meine Eltern mussten mich zum Reitunterricht anmelden und die Wendy war meine Zeitschrift. Ich bin so viele Jahre geritten und hatte tatsächlich, für kurze Zeit auch ein eigenes Pferd. Meinen Sigro. Leider hatte er eine unheilbare Krankheit. Später hatte ich eine Reitbeteiligung – an einem so tollen Pferd. Rabauke. Er war ein noch junges Kaltblut.
Dann wurde ich 16 und auf Schlag war mein Interesse an Pferden und dem Reiten vorbei.

War.

Am Wochenende hab ich das Forsthaus Tiergarten nach 27 Jahren besucht.  Unser Hotel und meine geliebte Erinnerung trennten nur 35 Kilometer. Der Mann an meiner Seite und meine Mutter wussten, was das heißt: Es geht in die Vergangenheit.

„Meinst Du wir können da einfach auf den Hof und gucken“, fragte ich meine Mutter. „Wenn nicht, sagen wir, dass wir uns den Hof für deine Nichte angucken wollen“, antwortete sie. Gedanken, die wir uns nicht hätten machen brauchen. Mit verklärtem Blick und Glück im Herzen stand ich auf dem Hof. Er sieht aus wie früher. Die Baumstämme in der Mitte – da saß ich vor 27 Jahren mittags drauf. Zusammen mit Stefanie und wir haben gelacht. Die große Wiese mit dem Teich. Wie liebevoll sich Netti um den Hof in den vergangenen Jahrzehnten gekümmert hat. Er sieht so zauberschön aus und hat nichts von seinem Glanz verloren. Während ich sprachlos auf dem Hof stehe, kommt eine Frau aus der Reithalle. Sie lächelt und fragt, ob sie helfen könne.
„Ich. Also. Ich war als Kind hier in den Sommerferien und ich .. wir sind dieses Wochenende hier und da wollte ich hierhin zurückkommen“, höre ich mich sagen. Die Frau strahlt mich an und fragt, wann ich hier gewesen sei. Ich antworte und frage sie, ob sie Annette Klein, die Besitzerin sei. Ist sie. Nettie. Und sie nimmt sich Zeit für mich. Für uns. Es geht durch den Speisesaal in den offenen Bürobereich. Nettie holt alte Bilder. Ich sehe die Treppe, die nach oben führt und frage mich, ob der Handschuh noch immer auf der Speichertreppe liegt.
Netti erzählt uns ihre Geschichte. Erzählt davon, dass Reiterferien nicht mehr so beliebt sind wie damals. Sie hängt an ihrem Hof. Mit jeder Faser. Mit Liebe. Das spüren wir.

Am Ende stehen wir wieder im Hof. Ich blicke auf den Kiosk des Reiterhofs und erzähle Netti lachend, dass ich dort immer BumBum-Eis gekauft habe. Eine weitere Erinnerung, die mich an meine Pferdemädchen-Sommer erinnert.
Und was macht Netti? Sie geht ins Kiosk, öffnet die Eistruhe und reicht mir ein BumBum-Eis raus.

Netti muss wieder in die Reithalle. Wir verabschieden uns. Für den Moment. Annette verschwindet in der Reithalle. Da geht sie, diese kraftvolle Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und für sich und ihren Hof kämpft. Den Hof, der so wunderschöne Erinnerungen schafft.

Schenkt euren Kindern ebenfalls solche wunderbare Erinnerungen. Lasst sie Sommer erleben, die sie den Rest ihres Lebens prägen werden. Der sie stark macht. Schickt sie zu Netti und ihren Ponys und Pferden in die Lüneburger Heide.

Wie unfassbar gerne ich mein altes Zimmer im Forsthaus bezogen hätte. Wie gerne ich geblieben wäre.
Aber etwas ist geblieben.
In mir.
Der Grundstein wurde vor 27 Jahren gelegt. Der Wunsch zu reiten. Seit über einem Jahr möchte ich das wieder tun. Morgen mache ich es. Morgen habe ich eine Reitstunde. Den Termin hab ich eben gemacht.

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