Wir wohnen an einer Hauptverkehrsstraße. Seit einigen Monaten steht bei uns vorm Haus und ein paar Meter hoch eine Baustellenampel. Jede Fahrtrichtung darf fahren. Aber eben nicht mehr zeitgleich. Im Wechsel. Das ist bitter. Das ist hart. Muss man als Autofahrer doch glatt eine Minute warten, bis man endlich endlich weiterfahren darf. Was könnte man in dieser einen Minute alles schaffen, müsste man nicht an dieser **** Ampel untätig rumstehen und warten. Eine Minute. Eine verdammte Minute. Die macht es aus. Hätte man sie, man wäre so unendlich viel schneller am Ziel… ach. Ehrlich. Bitte. Wir reden hier von einer verdammten Minute. Von 60 Sekunden. Eine Minute, die dafür sorgt, dass sich viele Autofahrer wie der letzte Arsch verhalten. Und LKW-Fahrer. Die will ich nicht unter den Tisch meines Schreibblocks hier fallen lassen. Es ist Tag der offenen Hose. Geschlechterübergreifend. Egal, zu welcher Tageszeit.
Ganz besonders liebe ich die, die den Berg runter kommen. Die mit mindestens 70 km/h runtergekachelt kommen. Wenn die Ampel gerade „grün“ anzeigt, wird erst das „Tempo 50“ und dann erst recht das „Tempo 30“-Schild ignoriert. Nein. Böse Unterstellung. Verzeihung. Es wird vermutlich nicht gesehen. Wie denn auch – liegt doch alle Konzentration darauf, das Auto oder den LKW mittig der Spur zu positionieren, damit die verengte und von mobilen Leitplanken markierte Engstelle ebenfalls mit unverminderten 70 km/h passiert werden kann. Gerne auch noch ein bisschen schneller, wenn die Ampel die Dreistigkeit besitzt auf „gelb“ zu springen.
Wenn sich gerade Menschen in der Nähe aufhalten: Pfft. Müssen die halt aufpassen. Und hey. Was ist schon so ein Seitenspiegel am geparkten Auto? Nicht euer Problem, oder? Was müssen auch Menschen an dieser *** Baustellenampel leben und parken? Geht´s noch? Die letzte Frage ist an euch gerichtet. Übrigens.
Warum Gedanken machen. Ihr zählt. Ihr allein. Und die Minute an der roten Ampel, die euch kostbare Lebenszeit raubt. Dann lieber diese nervigen Menschen fast über den Haufen fahren und schön hupen. Und pöbeln. Pöbeln ist wichtig. Damit unterstreicht ihr eure Wichtigkeit. Doch. Jaja. Isso. Sicher.
Und was soll das Hupen? Das ist jetzt hart. Aber: Ihr könnt die programmierte Ampelschaltung damit nicht beeinflussen. Nein. Das könnt ihr nicht. Leider nein. Leider gar nicht. Und weil wir gerade so drastisch realistisch sind: Das Gleiche gilt für das Spiel mit dem Gaspedal. Nein. Kein Einfluss auf die Ampelschaltung.
Die Sache ist die: Hupt euch einen zurecht. Vielleicht schafft ihr eine schöne Komposition. Und das durchgetretene Gaspedal im Leerlauf rundet es ggf noch schön ab. Macht das. Aber verdammt nochmal: Wir, die wir hier an der Baustellenampel leben, mögen unser Leben. Und ihr habt die verdammte Pflicht, es zu schützen. Einfach, indem ihr Rücksicht nehmt. Indem ihr nicht mit offener Hose zeigt, was euer Auto drauf hat. Indem ihr eure schlechte Laune nicht an uns auslasst. Wir stehen nicht auf der Straße und halten einen Kaffeeklatsch ab. Wir stehen nicht im Gebüsch und bewerfen euch mit Eiern. Wir wollen einfach nur über diese Straße laufen. Dann, wenn ihr rot habt. Und dann wollen wir nicht von einem Nachzügler umgefahren werden, weil er sich dachte „Hah. Bevor ich hier eine Minute mein Leben verschwende, fahr ich noch schnell. Es war Kirsch-Grün, wenn jemand fragt.“ Ihr habt euch die Ampel nicht ausgesucht – wir aber auch nicht.
Es ist wir immer im Leben: Verallgemeinerungen sind falsch. Nicht jeder, der uns hier an der Ampel begegnet ist so … frei im Kopf. Wirklich nicht. Ich hatte auch schon nette Begegnungen. Und Menschen, die geholfen haben. Dabei ging es einmal um einen kleinen Baum, der auf der Fahrbahn lag. Der euch Autofahrer gefährdet hat, weil er zu waghalsigen Ausweichmanövern führte. Das weiss ich, weil ich es beobachtet hatte. Also bin ich in eurer Rot-Phase schnell auf die andere Straßenseite. Ein Autofahrer sah das, zögerte nicht und kam und half mir. Wir haben den kleinen Baum schnell bei Seite geräumt. Der fremde Autofahrer, der mich beobachtete, während er eine Minute an der roten Ampel stand. Danke.

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